Yousef

Musikfernsehen zwischen Zukunft und Vergangenheit

In Literarisches Roulette, Medien, Musikfernsehen, Musikindustrie on 01/04/2009 at 00:02

Krieg der Versionen

Was haben sie eingedroschen auf MTV, weil statt Musikvideos nur noch Casting- und Dating Shows laufen. Wir sind mit MTV aufgewachsen und da liefen noch Videoclips- Die Revolution. Ein Sender nur für Musik. Und jetzt? Was sagt MTV 2009 über diese Generation aus? Gar nichts, denn so gesehen gabs auch in den 80ern und 90ern schon Trash TV, und dann MTV mit all dem heißen Style. Denn was für uns noch MTV war, ist für die Kids halt das Netz.  Welcher werbewirksame TV-Konsument ohne graues Haar will schon On Air Musikvideos sehen? Die, die dir jetzt in den Sinn kommen, haben definitiv schon das ein oder andere graue Haare, oder haben sich die Haare gefärbt, also vergiss sie. Und wer heute 16 ist, der erwartet auf MTV schon lange keine Musikvideos mehr, sondern Datingshows, Castingshows und für die paar Ü30-Zuschauer gibts noch den Kavka (Sorry Markus ;-). So sind sie nunmal, die Generationen, ständig im Clinch miteinander.

Und dann kam Web2.0 – a.k.a. MySpace und YouTube.

Natürlich kommt an dieser Stelle der obligatorische Verweis auf  YouTube, aber heute abend kam nunmal die News, die mich zu diesem Blogpost inspirierte. Es geht darum, dass YouTube nun auch in Deutschland erstmal alle Videos von Künstlern, die von der GEMA vertretenen werden,  sperren wird.  Was ist denn da los werden sich die Kids fragen. Alle die, die nie eine Stereoanlage besessen haben, weil es ja YouTube gab und die PC Lautsprecher zumindest 10 mal fetter klingen als ihre Handies werden sich wundern, dass ihnen auf so eine merkwürdige Art und Weise ein paar grauhaarige Graumänner in Grau…erm…München den Saft abgedreht haben. Was nun? Spinnen die? Und wo soll ich jetzt Musik hören? Im Radio oder was? Seid ihr krank?

Versionskonflikt

Da ist es, das Sinnbild unserer Zeit des Wandels. Die „Onlineplattform“ kann sich nicht mit der „Verwertungsgesellschaft“ einigen – kein Konflikt repräsentatiert den „Krieg der Versionen“ deutlicher. Es geht um Lizenzen, Pay-Per-Streams, Revenue Share,  Verlagsrechte, Vervielfältigungsrechte, Aufführungsrechte, Nutzungspauschalen, es geht auch um Präzedenzfälle, denn nach Jahren der Toleranz im GEMA-Hauptquartier fangen die Verwertungsgesellschaften langsam an, ihre bislang nie ernstgenommenen Ankündigungen (auch gerne Drohungen genannt) wahr zu machen.

Version 1.0: Die Verwertungsgesellschaften

Der Druck auf die Verwertungsgesellschaften war nie größer. Die großen Künstler ärgern  sich grün und blau, dass über P2P-Netzwerke, Social Media Plattformen wie YouTube und MySpace, sowie Last.FM ihre Musik und ihre Videos immer frei verfügbar sind und der Künstler nix mehr von der Verwertung abkriegt (weil keine Verwertung mehr stattfindet in der Welt der freien Inhalte). Die Labels verkaufen immer weniger CDs (immer noch Hauptumsatzbringer), Tourneen sind im Gegensatz zu CDs zwar ertragreicher aber auch ungemein viel anstrengender, weil nicht mehr die par Wochen im Studio ausreichen für das große Geld, sondern richtig geackert werden muss Nacht für Nacht, Stadt für Stadt, Land für Land… . Und die GEMA schaut seelenruhig zu, wie überall im verseuchten Internet mit ihrer Kunst schindluder getrieben wird. Da die GEMA hauptsächlich von solchen Künstlern lebt (im Radio, das unheimlich viel Geld an die GEMA bezahlt, um Musik dort spielen zu dürfen laufen ja fast in ganz Deutschland nur noch Charts und Mainstreamtitel) ist sie natürlich jetzt in einer Situation, wo sie handeln muss. Andererseits kommt da eine neue Generation von Künstlern auf sie zu, die eine neue Wertschöpfung von Musik verinnerlicht hat und sich langsam mit Modellen wie „Creative Commons“ anfreundet, als alternatives Lizenzkonzept zur GEMA. Denn bei Creative Commons heißt es nicht mehr „All Rights Reserved“ (Urherberrechtsversion 1.0) sondern „Some Rights Reserved“ (Urherberrechtsversion 2.0) und der Künstler hat im Gegensatz zum, restirktiven GEMA-Modell die Möglichkeit selbst zu entscheiden, in welcher Form der Nutzung, welche Rechte freigegeben werden. Bei der GEMA musste der Künstler eine Zeit lang sogar auf seiner eigenen Homepage Gebühren für das Abspielen seiner eigenen Titel abführen. Unglaublich aber wahr. Für die GEMA heisst es jetzt aufgepasst – wie positioniert man sich, um einerseits den großen Cashcows nicht zu fremd zu werden und es sich andererseits nicht mit der Zukunft zu verscherzen. Also: Nach der Phase des Abwartens kommt jetzt die Phase des Handelns. Web2.0 ist Geschichte, 1.o schlägt zurück.

1.0 führt 1:0 gegen 2.0 und die Nerds sind empört

Die Nerds sind empört weil die „Free Music“ Ressourcen im Netz langsam aber sicher eingedampft werden. Viel Müll ist angeschwemmt und zum Glück wieder abtransportiert worden (zB Spiral Frog), doch um den Fabchannel ist es zB richtig schade. Der Untergang dieses Gratis-Live-Musik-Paradisos verdeutlicht tatsächlich den Bruch der Generationen und zeigt uns, das Web2.0 eine paradiesische, experimentelle und verschwenderische Dekade zwischen 2000 und 2010 gewesen ist und nun langsam ihr Ende findet: Fabchannel existierte von 1999 bis 2009 und ist der wohl erste große Untergang dieser neuen Brut an „Free Content“ Idealistentum, derjenigen, die coole Online Musikangebote der Lieber zur Sache und der technologischen Kenntnis wegen ins Leben riefen und nicht, weil sie damit die Musikindustrie zu revolutionieren glaubten, oder schlichtweg den New Econonmy VCs das Geld aus der Tasche ziehen wollten. Es lief doch eigentlich alles nach Plan. Nur leider nicht schnell genug. Nicht vergessen: 2008 wurden in Deutschland noch 80% Musik auf CD verkauft. Wir sind, was den Mainstreamkonsumenten angeht, nicht mal bei Version 1.5 angekommen.

Die nächste Generation: Wie geht es weiter?

Die Schlacht ist noch nicht verloren. Vielleicht einigen sich YouTube und GEMA ja schon nächste Woche und weiter geht das Spiel, doch diese Zwischenzeit werden viele neue kleine Player für sich nutzen, die momentan noch genug Geld einsetzen können, oder große und Konzerne hinter sich stehen haben. Anbieter wie Tape.TV, Pitchfork.TV, Hobnox, MyVideo oder MTV Music gehören zu diesen Gruppen und können jetzt wieder ein Bisschen Boden gut machen. Aber all diese Anbieter haben ähnliche Probleme.

1. Lizenzierung/Geomapping
Erstmal überhaupt legal an die neuen Videos rankommen ist gar nicht so leicht. Manche Labels verlangen für eine Lieferung Umsatzgarantien, die kein Startup leisten kann, welches nicht mit großen Investorengeldern ausgestattet ist. Wenn man dann das Material bekommt, muss man auch noch dafür sorgen, dass es nur in der definierten Region nutzbar ist. Welche Anti-Internetmenschen denken sich sowas aus?

2. Verwertungsgesellschaften
Hat man das erste Problem irgendwie glöst, oder konsequent genug ignoriert, kommt das zweite große Problem, das man am bisher auch einfach konsequent ignoriert hat, bis heute zum YouTube Präzedenzfall.

3. Werbe Einnahmen
Da man ja nicht gelernt hat, für Musikvideokonsum etwas zu bezahlen, muss die Kohle für den Betrieb der Plattform ja anderweitig eingenommen werden – so bitter das für viele sein mag, das ist die Realität. Woher das Geld kommen soll, wenn In-Video Werbung bislang gerade erst langsam warm wird und überhaupt die Finanzkrise das explosionsartige Wachstum einschränkt , muss  dann erstmal geklärt werden.

4. Kosten
Neben Lizenzen, Verwertungsgesellschaften, Medienplayer-Technologie kommt als weiterer illustrer Kostenpunkt das  Hosting und Bandbreitenthema auf. Wer soll den ganzen stuff bezahlen? Kann man sich nur leisten, wenn man Pauschalen vereinbart, die bei richtig viel Traffic richtig lohnen, aber bei richtig wenig eher viel zu viel kosten.

5. Handling

All die Videos müssen ja irgendwie ins System kommen, sie müssen angekündigt werden, es soll ja auch mal eine Videopremiere geben ein Gewinnspiel, ein irgendwas. Dafür müssen Ressourcemn her, die meist alle Hände voll zu tun haben, den selbstgerechten Labels hinterherzutelefonieren. Auch kein Spaß.

6. Added Value.

Nur Videos zeigen wäre ja auch irgendwie langweilig, also müssen zusätzliche Inhalte her: Livekonzerte, Interviews, Backstage-Dokus. Wer soll die machen, die kosten ja oft nochmal so viel wie der Clip selbst…

Nungut – eins ist klar. Irgwendwann werden wir auch über diese Probleme hinweg kommen, und vielleicht kann dann eine neuere Version gegen eine Alte ausgleichen.

Wollen wir es hoffen.

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  1. […] Yousefs Blog habe ich gerade einen sehr lesenswerten Artikel gefunden, der das Thema Musikfernsehen im Wandel der Zeit […]

  2. dazu fällt mir die bbc doku ein, die vor ein paar tagen bei bei nerdcore geblogt wurde. http://tinyurl.com/djzgxc – die story von routh trade und der brit. independend music szene. wer die 90min. zeit hat, kann sicher das ein oder andere aus der vergangenheit lernen. es lohnt sich jede sekunde..!

    was oft nur am rande diskutiert wird, ist die emotionale inflation der musik. es gibt ein überangebot wie in der autoindustrie. musik ist das hintergrundrauschen sobald ich das haus verlasse. kein klamottenladen, kein klingelton ohne dass ich musik höre.
    heavy rotationen im radio, lassen mich selbst lieblingslieder nach kurzer zeit hassen.

    wie sollen die kids dann bitte akzeptieren, dass die musik im internet plötzlich geld kosten soll?

    sehen wir wie es ist. wir haben die feder überdreht. das spielzeug ist kaputt und erst wenn man sich erinnert warum man es eigentlich so gern hatte, holt man es wieder unterm bett hervor und fängt nochmal von vorn an.

    • Wer sagt denn, dass es irgendwelche Kids dann Geld kostet??
      Youtube soll zahlen, nicht der Endverbraucher! Das Geld verdient Youtube nach wie vor mit Werbung. Und damit verdienen sie gut!

      • hat ja keiner behauptet, das die kids bei youtube zahlen sollen, doch irgendwie müssen die kosten gedeckt werden. die behauptung, youtube verdiene damit, möchte ich bezweifeln. youtube ist eine geldvernichtungsanlage und da ändern die videoclips auch nicht viel dran. am ende muss es einen fairen split geben, für werbung die im umfeld der videos umgesetzt wird, jedoch ist bislang der status eher der, dass handlingfees, bandbreitenkosten, label-shares, gema, serverkosten, etc, in der kalkulation am ende einen notwendigen buchungsopreis (tkp) ergeben würden, den derzeit kaum ein werbetreibendes unternehmen bereit ist zu zahlen. vor allem nicht in der masse. es wird wohl auch noch ein paar jahre dauern, bis online-video-werbung so etabliert ist, das tkps und buchungs-auslastung auf ein niveau gelangen, dass den betrieb solcher plattformen mit einer propfitablen nutzung von video clips rechtfertigen könnte. erst dann können wirklich alle in frieden mit einer nutzung bei youtube leben. bis dahin muss immer irgendeiner aus der wertschöpfungskette den kürzeren ziehen und das waren bislang primär artists, labels und verwertungsgesellschaften.

  3. Schön wär’s, wenn das mit den Tourneen so stimmen würde. Nicht nur, aber auch dank der sogenannten „360 Grad-Deals“ verdienen auch im Live-Business nur noch die wenigsten Künstler wirklich Geld.

    Was ich aber viel interessanter finde, ist die Frage „Wie lange wird es das klassische Musikvideo überhaupt noch geben?“. Das Medium ist doch längst ein wandelnde (kriechende) Leiche. Was ist ein Promotool wert, dass nur in ärgerlicher Auflösung und übelster Soundqualität in Briefmarken großen Fenstern gesehen werden kann? Und hierzulande, zumindest auf youtube, erst einmal auch das nicht mehr? Und was sind dann die Alternativen? Und dann seid ihr an der Reihe, denn die aufzuzeigen und möglichst vielen Usern so zugänglich zumachen, dass es sich auch trägt, ist u. a. euer Ding, Yousef.

    • Ich denke das Musikvideo ist eine Währung. Durch den inflationären Einsatz ziemlich vor die Hunde gekommen, kann es nach einer Neuausrichtung, gerade in einem vernetzten AV Medium punkten.

      Die Übertragungsqualität ist dabei sekundär. Im Vergleich mit der Tonqualität würde sich sonst nicht der Trend erklären, weshalb DJVH* mit dem Handy in der Hand mit Aussenlautsprecher, ihre Musik durch die Straße tragen. Und das ist gerade mal Bassloser-Volksempfänger-Surround-Sound. Quualität = null.

      Die Musik ist das Erkennungsymbol in der Öffentlichkeit. Ein Bekenntnis zur Band/zum Artist – genau wie ein Click auf „Fan werden“ bei fb oder myspace.

      Das alte Spiel der jugendlichen Identitätsfindung, weiterhin durch Darstellung nach aussen statt. Was ich mag, definiert mich für meine Peer-Group. Was ich nicht mag, grenzt mich ab.
      Seht her – die Schnittmenge dieser Collage – das bin ich.

      Sobald ePaper und intelligente Textilien das Tragen von Musikvideos erlaubt, rocken auch die Clips wieder so richtig. :-)
      Die DJVM** werden sich über die lustigen beruckten Band T-Shirts von 1970-2010 im Museum kaputtlachen.

      *Die-Jugend-Von-Heute
      **Die-Jugend-Von-Morgen

      • Ohja Peter, wie wahr. Wir sind halt DJVG und müssen am Ball bleiben um DJVH zu verstehen, geschweige denn DJVM. Sind wir schon so alt?

    • Hey Stephan, das Video ist ja schon lange kein Promotool mehr und den Wert trotz Qualität diskutieren ja jetzt gerade alle ganz massiv. Fest steht, dass die Kids scheinbar nicht nach Soundqualität und Bildgröße gehen, sonst wäre YouTube nicht die Videoclipabspielstation Nummer eins mit einem Abstand der so groß ist, dass man schon Hubble an den Start bringen muss, um die Verfolger zu erkennen. Alternativen zum Musikvideo sind recht überschaubar, denn hier geht es umk die Visualisierung von Musik und wenn das nicht der Clip ist, dann die Liveshow oder die DVD, die Dokumentation oder UGC-Geschnipsel. Wie man es dazu bekommt, dass es sich trägt ist in der Tat die interessantere Frage, doch mit ausgeklügelteren Lizenzkonzepten, der breiteren Streuung durch vernünftige Player- und Embedstandards samt Adserver-Integration, sowie der intensiveren Bebuchung durch die Medialandschaft könnte das in wenigen Jahren sogar schon klappen.

  4. @Marie: Schätzungen für YouTube in 2009: 700 Mio Kosten, 240 Mio. Einnahmen. Halbe Milliarde miese.

  5. @Pierre… da geistern viele spekulative Zahlen herum im Netz. Woher sind Deine?

  6. @Oli – da hat Pierre scheinbar gute Infoquellen. Wie du wahrscheinlich heute selbst entdeckt hast, gibt es da wohl konkrete Daten: http://www.heise.de/newsticker/Credit-Suisse-Analyse-YouTube-faehrt-470-Millionen-Dollar-Verlust-ein–/meldung/135824. Bei Busines Insider gibts genauere Aufschlüsselung: http://www.businessinsider.com/is-youtube-doomed-2009-4

  7. Urherberrechtsversion 2.0 – existiert nicht, da die Meinung eines einzelnen Künstlers vollkommen unbedeutend ist und in keiner Weise Profit abwerfen… Ein Künstler, der keinerlei Einnahmen hat, kann nicht existieren. Hartz4 ist leider nicht erstrebenswert. Denn P2P & Co. schaden primär den kleinen Independent Künstlern und DIY-Bands, denen fast komplett die Einnahmen geraubt werden. Große Acts und Majorbands haben immer Zugang zur Werbekohle der Industrie – der richtigen Industrie – die Musikindustrie ist monetär gesehen nicht mal ein echter Mittelständler… Kaum ein Indie-Major macht auch nur 150 Mio… im Jahr…

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