Yousef

Renaissance des Verzichts

In Leben und so., Medien on 22/04/2009 at 23:09
Brot und Butter Produktion (Daumenkino)

Technology will kill us.

In einer Zeit, in der ich alles wissen kann, wenn ich genug Zeit hätte, alles zu lernen, ist Verzicht die wahre Revolution.

Oder…

Lieber nicht „auf dem Laufenden“ (und bei sich selbst) als auf dem Laufband in Gedanken überall sonst.

Oder

Wie soll ich bitte bei Twitter Tausenden von Leuten ernsthaft folgen, wenn es nicht darum gehen soll, sich mit Tweets wegzuschießen wie beim Flatratesaufen? Fuck the follower hypocracy.

Oder

Lieber den paar Leuten, denen ich folge, ernsthaft zuhören, als mich am Massenklappern der Klappermasse zu bedröhnen. Die Grenze von der Informationssucht zur Informationsaufnahme verschwimmt zunehmend.

Oder

Auf einem kleinen Schlachthof in Brandenburg werden täglich 7.000 Schweine geschlachtet. Das sind ca 140.000 im Monat und ca. 1,5 Millionen Schweine im Jahr (es handelt sich um einen KLEINEN Schlachthof). Wenn all diese Tiere eine faire Chance auf ein angenehmes Dasein bekommen sollen, dann wäre Brandenburg ein einziges großes Schwein. Ich kann dieses „Produkt Fleisch“ nicht mehr essen, bei dem Gedanken.

Oder

In einer Zeit, in der zig Anbieter um Nischenpublikum buhlen, jeder größere Zeitungs- und Magazinverlag, sogar Radiosender, alle wichtigen Markenartikler aber auch Lobbyistengruppen, ganz zu Schweigen von den Tausenden TV Sendern – wenn alle die jeweils ein eigenes, neues, interaktives, mobiles Fernsehprogramm ins Geschehen pushen, dann lässt sich das einfach nicht mehr mit Werbung finanzieren. Das IST dann die Werbung.

Oder

Wenn Hunderte Millionen Facebook User weltweit genug Geld für einen Rechner und  ein Mobiltelefon haben, genug Zeit für eine Statusmeldung pro Tag und zig Kommentare haben, genug kulturelle Bildung für den einigermaßen geregelten Umgang in sozialen Netzwerken, was sagt es dann über die paar Milliarden Menschen aus, die vielleicht arm und noch nicht bei Facebook sind, den neuen Märkten mit ihren (im wahrsten Sinne) noch nicht „gesättigten“ Konsumentenpotentialen in Schwellen- und Entwicklungsländern?

Oder

Wenn es Laptops schon für 100 $ gibt, wie viel Natur muss dann weichen, um der (offensichtlich gigantischen) Nachfrage gerecht zu werden?

Oder

Wenn ich jetzt die Möglichkeit hätte, ein Buch zu lesen, oder auch ein Game zu zocken, oder im Web zu surfen, wenn ich einen Film schauen könnte, aber auch ein paar neue Tunes hören könnte, wenn ich zig Serien aber auch zig Dokumentationen sehen könnte, alles jetzt und ohne Verzug, alles jetzt, alleine, ich vor dem Screen, alles runtergeladen, preselected, gecheckt und verpackt – wie soll ich mich dann bitte schön für irgendwas entscheiden? Und welchen Sinn macht es?

Der Luxus meines Lebens erscheint in neuem Glanz, doch die Notwendigkeit mehr zu tun, als eigene Bedürfnisse zu befriedigen ebenso.

Deswegen…

…ist in einer Zeit, in der ich alles  tun kann, wenn ich genug Zeit hätte, Verzicht die wahre Revolution.

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  1. „Ich verzichte freiwillig“ oder…in meinem Fall – trotz höchster Form der Gadgetmanie kein iPhone zu haben. daher meine These – Verzicht ist immer sehr nahe beim Onkel Masochismo. Liebe Grüsse und so. Bin sehr zufrieden…

  2. Gut gesprochen bzw. geschrieben. „Revolution“ ist für meinen Geschmack ein etwas grosses Wort für den Verzicht. Zumindest ist er kurzer Weg zur Gelassenheit.

  3. Oder:

    In einer Zeit, in der so viele sich an Container- and Singsupersklaven delektieren, zugleich aber die digitale Revolution ihre Kinder frißt, Geschwindigkeitsverzicht kultivieren und auf Seumes Spuren nach Sizilien oder wohin die Sehnsucht Dich führt – gehen.

  4. Schon meine Großeltern haben mir gesagt, wenn Du was auf dem Herzen hast, dann schreib es doch einfach auf. Das war mir zu langweilig, weil es ja keiner liest. Dank Facebook, Twitter und Konsorten haben wir jetzt endlich den virtuellen Psychotherapeuten, den wir alle in den so unübersichtlichen Zeiten so dringend brauchen. Was nicht selten dazu führt, dass alle nur noch reden, aber keiner mehr zuhört.
    Und wenn ich das hier schreibe, denke ich…wen interessierts? Aber war mal schön, das ich mir darüber klar geworden bin. 100 Euro für die Sitzung auf der Couch gespart.

    Insofern könnt ich das hier wieder löschen. Aber mein Ego denkt, wär ja cool, wenn das trotzdem jemand liest. Ist übrigens mein erster Blog-Kommentar in meinem Leben….welch eine Grenzerfahrung.

    btw: Schweigen ist manchmal die beste Anwort (Dalai Lama), aber heute war ich zu schwach.

  5. hallo kristallblau. mal abgesehen davon, dass ich social media nicht nur auf den virtuellen psychotherapeuten reduzieren würde, finde ich es gut, dass du reagierst. schwäche ist wohl eher das gegenteil. ich bin z.b. glücklich darüber den blogeintrag geschrieben zu haben, der dich überhaupt zum ersten kommentar bewogen hat. unsere worte lösen etwas aus, darüber besteht kein zweifel, handeln ist die konsequenz des gedachten und gesagten, auch das ist klar. also … los gehts. cheers.

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