Yousef

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Eine Ode an das Laufen.

In Leben und so., Literarisches Roulette on 06/11/2011 at 16:13

Rennen im Paradies.

Die Augenblicke bevor es losgeht. Ich schnüre meine 10-Jahre alten, blau-weißen Adidas Grinds zu, stöpsle die Kopfhörer ins Telefon, starte das Trackingprogramm, schmeisse die Playlist an und lasse los. Laufen ist eine Droge. Der Rausch stellt sich zuverlässig ein, ein naturgegebenes Mittel, das nicht zugeführt werden muss, es ist einfach da. Du kannst es rufen und es wird sicher kommen. Denn es gehört dir. Die Programmierung der eigenen Sinne. Das kontrollierte Glück. Ein faszinierendes Wundermittel gegen die Dämonen, die uns im Wahnsinn des Alltags zwischen Beruf, Familie, Freunden, Hedonismus, Selbstbestimmung und Besinnungslosigkeit die Seele vergiften wollen.

Death Cab for Cutie. „I will possess your heart“. Achteinhalb Minuten Epos. Die gelben Blätter fliegen mir um die Ohren. Der Beat hat noch nichts mit meiner Laufgeschwindigkeit zu tun, darauf kommt es aber auch noch nicht an. Ich genieße das Licht. Die Bäume rahmen ein, was keine Fotokamera der Welt dokumentieren kann. Ich fließe auf die Wege, spüre meine Beine, meine Schritte werden weicher, der Asphalt lächelt mich an. Mein Körper umarmt die Sinne.

Das Racist. „The Trick“. Bipolares Synthiegeruckel programmiert meinen Schritt. Ich erhöhe die Geschwindigkeit, laufe den zweiten Kilometer zu ende und höre dem monotonen Sprachgesang der New Yorker Truppe, als hätten sie ihre Musik entwickelt, um jedes Herbstblatt mit Applaus zu versehen, bevor es seine über das Jahr andauernde Reise vollendet, vom Himmel über das Wasser in den Boden, vom Licht in die Erde, vom Stamm in die Zweige, vom Spross in den Sommer, von der Knospe in die Luft, vom Herbst in die Lüfte und dann bei einem vorbeilaufenden Jogger an einem wunderschönen Novembersonntag hinab zurück auf den Boden.

G. Love, König der Gelassenheit. „Kill it, kill it and bring it back to life.“  („Free“). Die Spur wird zum Tunnel. Die Menschen, Kinder, Hunde, Böhme Schiffe, Träume und Ängste strömen an mir vorbei. Der Körper hat sich eingehüllt in die sanfte Energie der Fortbewegung. Nichts zählt mehr. Alles ist eins. Ich bin eins mit dem Setting, ich gehöre hier hin und alles was in mir ist, spiegelt sich in der Wassoberfläche, in den Gesichtern der vorüberziehenden Möwen.

Kano „Reload it“. Langsam verschwimmen die Dinge, die vorher noch so überlebensgroß in die eigene Wirklichkeit hineinragten und werden zu Staub. Und was nicht klein genug wird um vom Wind einfach hinfortgepustet zu werden, häckselt Kano mit seiner schnellen Zunge in entsprechende Dimensionen. Gut so. Ist mir aber egal. Mir ist alles egal. Ich höre den Rhythmus nicht mehr, ich spüre ihn nur noch. Der Beat legt sich wie eine Decke in mein System, wabert sich hinein in den Schrittzyklus und wird eins mit dem Universum. Mathematisch ließe sich das bestimmt sehr reizvoll in ein noch unbekanntes Gleichnis verwandeln, das zum Ergebnis hat, das Zeit nicht existiert.

Pünktlich zum vierten Kilometer laufen die Hormon-Drüsen auf Hochtouren. Es sind ca. 20 Minuten gelaufen, dann kommen Snoop Dogg und Stevie Wonder und setzen dir die Krone auf. Das erhebende Gefühl zu „Conversations“, dem Text nicht zuzuhören, aber dennoch jede Silbe zu erkennen. Der Groove verflüssigt jede noch so kleinste Hemmung einfach nur den Kopf nach oben zu halten, der Sonne auf Augenhöhe zu begegnen und zu lächeln. Ein Lächeln, das selbst jeder entgegenkommende Bulldogge zurückgeben muss, weil es von so tief unten strahlt. Der Lauf wird zum Tanz.

Die Foo Fighters – „These are my famous last words“ Die brennenden Brücken („Burning Bridges“) schieben dich über das Raum-Zeit-Kontinuum in die nächste Dimension. Maximo Park’s „Your Urge“ erlaubt ein kurzes Innehalten in der Arithmetik der Sehnsucht. Gedanken schwitzen sich aus dem eigenen Höhlenkern heraus und werden zu freien Geistern mit eigener Identität. Das Dopamin zaubert all diese Gedanken her. Die Katecholamine sind der geistige Mistelzweig unter dem du dich selbst küssen möchtest. In Liebe mit der Gegenwart. Das ist der Rausch. Ein Augenblick so reich wie 10 Jahre Leben.

Irgendwann, wenn die Muskeln warm genug sind, sind sie bereit für den QOTSA „Feel Good Hit Of The Summer“, der von all den Dingen handelt, die man sich beim Laufen sozusagen in natürlichem Maße ermächtigt. Auch wenn ich die „Power-Song“ Funktionalität bei all diesen Lauf-Apps nicht zuletzt ob dieser epischen Playlisten-Theorie für völlig überflüssig halte, müsste ich einen aussuchen, es wäre wohl dieser.

Major Lazer „What U Like“ entfacht das Feuer der Lust, das irgendwann Besitz ergreift. Der Text erübrigt jegliche Ausführung dieser Idee. Tyler The Creator’s „Yonkers“ ist das dazugehörige Gegenprogramm. I’m a fuckin walking paradox. I’m a fucking terrific running track. bitch.

Langsam runterkommen, dazu Tracks wie Death Cab For Cuties „Your New Twin Size Bed“, Blind Melones „No Rain“. Ian Brown’s „Northern Lights“ oder Jose Gonzalez‘ „How Low“ – alles wundervolle Songs zum Weich bleiben.

Dann, nach ungefähr einer Dreiviertelstunde mit ein paar guten HipHop Tracks noch mal hochfahren. Lupe Fiascos „Words I Never Said (feat. Skylar Grey)“ brennt ein kleines Motivationsfeuerwerk ab oder Marterias Killerbeat von „Alles Verboten (fest. Casper)“ überlistet die aufkommende Müdigkeit der Muskeln.

Irgendwann dampft ist jede Grenze verloren. Es läuft sich von alleine, man spürt die Macht dieses Sports, den meditativen Effekt, der ein Eigenleben führt als wäre es ein in dir selbst neu gegründeter Staat. In diesem Staat gibt es eine eigene Welt, die nicht so viel wiegt wie sein reales Pendant. Dazu passend erklingt Todd Hannigans „Weight of The World“ Hymne und saugt Gedanken weg. Zum Abschluss, werden die Systeme kalibriert und Jean Michel’s „Supernova“ fließt in den Kopf.

Es ist Zeit zu gehen. Michael Jackson, die Black Crowes und Cris Cornell sagen Goodbye und freuen sich mit mir, das ihre Musik so viel geben konnte, jedes mal aufs neue.

Was hört ihr beim Laufen? Was sind Eure „Power-Songs“? Lasst uns teilen!